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CINEMAN

Von der Wandlung der Wahrnehmung Seit über vierzig Jahren bastelt, arrangiert, kreiert der Berner Mar-kus Raetz verblüffende Objekte und Installationen. In der Bewegung, im Wechsel der Perspektive entstehen neue Bilder und Wahrneh-mungen: Eine Performance des Wandelns, des unscheinbar Bedeut-samen. Dokumentarfilmer Iwan Schumacher hat Raetz über die Schulter geschaut, und der Objektkünstler erläutert den Schaffens-prozess und setzt sich fast spielerisch mit dem Schein auseinander.

Linien oder Drähte formen sich zu Buchstaben, werden Worte, assoziieren Wahr-nehmungen. Das OUI mutiert zum NON. Ein Schatten gewinnt Kontur, verdichtet sich zur Hasenskizze und gleicht plötzlich einem bekannten Mann mit Hut, dem Künstler Joseph Beuys. Auf die Perspektive, auf die Bewegung kommt es an. Oder auch auf die Nähe oder Distanz. Striche, Punkte, skizzierte Flächen oder Balken auf einer Wiese fügen sich erst aus der Ferne zum Konterfei, zum Wort, zum Sinnbild. Anders als die Impressionisten, bei denen sich Farbpartikel dem Betrachter erst aus einem gewissen Abstand zu einem Ganzen erschliessen, setzt der 66jährige Berner Künstler Markus Raetz auf Bewegung, auf Veränderung der Sichtweise.

Er arrangiert verschiedene Materialien, bedient sich diverser Techniken, Stilen und Medien. Seine Objekte entwickeln Eigenleben - je nach Sichtweise des Betrachters. Die liebenswürdigen Attacken auf unsere Sehgewohnheiten verblüffen und hinterfragen. Trügt der Schein, sind wir einem Trugschluss aufgesessen? Mit Lust und Akribie arran-giert Raetz seine «Visionen», die sich als Spiegelungen der Wahrnehmung, als meister-liche Performance des Gegenständlichen und unscheinbar Bedeutsamen entpuppen. Was wie magische Wandlung anmutet, ist ein durchdachtes Arrangement, handwerk-lich geschickt inszeniert, kreiert.

Die verblüffenden «Kunststücke» kommen in Iwan Schumachers unterhaltsam sinnigem Dokumentarfilm bestens zur Geltung. Das Medium Film erweist sich als heimlicher Verbündeter des Objektkünstlers. Das mag Raetz gespürt haben, der einer Kamera anfangs eher skeptisch gegenüberstand. Doch dann duldete er nicht nur das «fremde Auge», geführt von Schumacher und Kamerakoryphäe Pio Corradi («Vitus»), sondern erläuterte bereitwillig seine Arbeit, den Schaffensprozess, seine Überlegungen, sein Hintersinnen. Es schien, als hätte ihn die Visualisierung seiner Visionen ebenso begeis-tert wie seine Frau Monika, die auch im Film involviert ist.

«Man muss sich etwas ausdenken, damit Kopf und Hände zu tun haben», sinniert Mar-kus Raetz. «Für mich hat Arbeit etwas sehr Unterhaltendes. In gewisser Weise kann diese Unterhaltung süchtig machen.» Es ist faszinierend zu sehen, zu erleben, wie das Objekt «Eva» entsteht. «Eine Linie in den Raum setzen», kommentiert Raetz lakonisch und meint über Gesichter: «Ich kenne kein anderes Motiv, das man so fein differenzie-ren kann. Das Gesicht ist wirklich ein System von Zeichen, das man schon als Klein-kind lesen kann.» Und das hebt Schumachers Film über viele andere Porträts hinaus: Der Luzerner Filmer beschreibt nicht nur einen virtuosen «Seher» und Künstler, wir-kungsvoll unterstützt vom Raetz-Kenner und Freund Ad Petersen, ehemals Kurator des Stedelijk Museum Amsterdam, sondern bietet gleichzeitig eine sinnliche Lehrstunde und einen einsichtigen Diskurs über Sehen, Veränderungen und Wahrnehmung.
Rolf Breiner

www.cineman.ch/


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